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Stephane Hessel, Tanz mit dem Jahrhundert  

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Stephane Hessel, Tanz mit dem Jahrhundert
'Tanz mit dem Jahrhundert' ist ein Plädoyer für Humanität und Zivilcourage, ein Bericht über die Arbeit internationaler Gremien, von der UNO bis zur Menschenrechtskonferenz 1993 in Wien, und über die Aufgaben eines Diplomaten.
'Tanz mit dem Jahrhundert' gleicht einem Roman und ist doch ein ganz realistisches Lehrstück in Sachen Demokratie.
387 Seiten, gebunden


Erinnerungen von Stéphane Hessel

Von Beruf Schriftsteller und Flaneur aus Berufung war Franz Hessel, und so leidenschaftlich verbunden war er mit Berlin, «seiner» Stadt, dass er die Warnungen vor den dunkelbehemdeten Machthabern gefährlich lange in den Wind schlug. Im Oktober 1938 findet er doch noch den Weg nach Paris. «Dass ich unbehelligt über die Grenze kam, war mein Glück und im entscheidenden Augenblick Lellas Werk», notiert der Träumer im Bericht über seine «Letzte Heimkehr». 1941 stirbt er in Sanary-sur-Mer, im Exil. «Lella», die Praktische, die mit beiden Beinen auf der Erde Stehende, das ist Helen Grund, seit 1913 mit Franz Hessel verheiratet. Sie hatten sich in der Vorkriegs-Bohème kennengelernt, 1914 wird Ulrich, 1917 Stéphane Hessel geboren.

Im Alter von 80 Jahren schaut Stéphane Hessel, der jüngere Sohn, zurück. «Danse avec un siècle» nennt er seine Erinnerungen, doch das geschilderte Leben ist nicht nur ein Frühlingsreigen; makabre Szenen, auch Vorstufen zum Totentanz finden sich in diesen dreihundert Seiten. Wie ein Film setzen die Erinnerungen ein; die blauen Augen, die Verführungsgabe, die ungestüme Zärtlichkeit der Mutter, die, nachdem das Hesselsche Familienvermögen die galoppierende Nachkriegsinflation nicht überlebt hatte, den Lebensunterhalt mit Modeberichten zusammenbringt. 1924 zieht sie mit ihren Söhnen endgültig nach Paris, Franz Hessel mag ihr – noch – nicht folgen. Überhaupt ist der Vater ein klassisch Abwesender, sein Bild ist hinter dem dominanten von Helen, der Mutter, fast verblasst. Ein Schöngeist in einem von der Natur stiefmütterlich behandelten Körper, nahezu kahl, von kleiner Statur, dazu ziemlich korpulent, so schildert Stéphane den Vater. Gesicht und Gesten dieses Vaters sind sanft, aber er lebt für sich. Kein redseliger.

Bald wird der vierjährige Stéphane Zeuge einer wunderlichen Veränderung der Lebenssituation. Aus der losen, bohèmehaften Ehe seiner Eltern wird ein ménage à trois; ein weiterer Literat, Henri-Pierre Roché, wird zum Dritten im Bund. Franz Hessel fungiert als «literarischer Mittler» zwischen seiner Frau und seinem besten Freund. Dass Roché dieses Dreiecksverhältnis später im Roman «Jules et Jim» festhält (den dann François Truffaut zum Kultfilm gleichen Titels avancieren lässt), tönt zwar romanesk und tut, als ob das Leben ein Film wäre. Aber Stéphane ist kein Weiterschreiber des bohèmehaften Bilderreigens von «Jules et Jim». Im nachhinein sieht er sich als «kleinen Narren», als blauäugigen Knaben, der den Verführungen des Stiefvaters erlegen sei und die Verletzungen Franz Hessels nicht gesehen habe.

Überhaupt sind die filmreifen Tage der Kindheit bald zu Ende, baccalauréat, kurze Ferien, dann geht es 1933 nach London, zu Verwandten der Mutter; der Jüngling schreibt sich zwar an der London School of Economics ein, verbringt die Tage aber meist in den Kinosälen. Das Handwerk der Diplomatie ist seine Sache noch nicht, doch Harold Laski und Arthur Koestler, denen er in London begegnet, hinterlassen bleibende Eindrücke. Zurück in Paris, vermittelt ihm – wieder – die Mutter den hypokhâgne, den Vorbereitungskurs für die prestigiöse Ecole normale supérieure. Bei Albert Bayet lernt Stéphane Hessel denken – und verliebt sich, die Familie sieht es nicht gerne, in eine russische Mitstudentin. Gesichert und etwas konventionell mutet diese junge Laufbahn an: Im Frühjahr 1939, mit 22 Jahren, wird Stéphane Hessel gleichzeitig Ehemann, französischer Staatsbürger und Normalien; «alles» sieht gut aus, sofern in diesen Zeiten etwas gut aussehen kann.

Im Juli 1944 wird Stéphane Hessel am hellichten Tag in Paris von der Gestapo als Informant der Résistance verhaftet. Verhöre, Entwürdigungen, Deportation; auch die erst kürzlich erstandene französische Staatsbürgerschaft bietet keinen Schutz mehr. Im August 1944 treibt man ihn mit anderen zusammen durch ein Tor mit der Inschrift «Jedem das Seine» – Buchenwald. Die Errettung wird so lakonisch berichtet, wie sie surreal anmutet. Dem Exekutionskommando, dem er zugeteilt ist, entkommt er, weil er mit der Hilfe eines Lagerarztes in die Identität eines am Vortag verstorbenen Typhuskranken schlüpfen kann. Die Leiche «Stéphane Hessel» wird verbrannt, Hessel selbst lebt unter falschem Namen ein Leben weiter, das erst Monate, Jahre nach der Befreiung durch die Amerikaner wieder ein «richtiges» wird.

Ich habe Glück gehabt. Stéphane Hessel ist sich heute, in der Rückschau, die diese Lebenserinnerungen oft mit einem ungläubigen Erstaunen vor dem eigenen Schicksal begleiten, eines implizit geschlossenen moralischen Vertrags bewusst. In seinem späteren, gleichsam «zweiten» Leben setzt er sich als Diplomat für die vielen kleinen Schritte ein, die zu einer weltweiten Verbesserung der Menschenrechte führten und führen. Der weitaus grössere Teil der Erinnerungen berichtet denn auch von Hessels Tätigkeit im Dienst der Uno, als Vermittler in humanitären Angelegenheiten. Doch Hessels Bericht ist keine schöne Geschichte vom einmal erlebten Bösen hin zu jenem «fraglos» Guten, das leichthin getan werden kann. Vielleicht sei die Pflicht, sich immer wieder darüber zu orientieren, worin denn das gegenwärtig Gute bestehen könne, wichtiger als ein guter Wille schlechthin. Zu Ostern 1996 besetzt der nun 79jährige das erste Mal in seinem Leben eine Kirche; ein weisser Ambassadeur de France inmitten dreihundert Dunkelhäutiger «sans papiers», die aus Frankreich ausgeschafft werden sollen. Davon handelt das Postskript.



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